Interview mit Nina Riedler

Nina Riedler mit ihrem dritten Kind
Nina Riedler mit ihrem dritten Kind

Als ich im Dezember 2012 mit den Nerven am Ende war, weil mein Baby sich nicht hat ablegen lassen, habe ich im Internet nach Hilfe gesucht. Nach viiiiiel Recherche (damals gab es echt noch nicht so viel zu dem Thema) fand ich endlich eine Frau, die mir das Ganze genau zeigen sollte!

 

Nina Riedler war "meine Trageberaterin"

 

...und hat uns nicht nur das Binden des Tragetuchs gezeigt, sondern auch unsere Manduca so gut eingestellt, dass wir darin sehr gerne getragen haben die ersten Monate!

 

 

Erzähl mir kurz was zu dir. Wie hast du selber zum Tragen gefunden und was wusstest du über das Tragen von Babys, bevor du selber damit angefangen hast?

 

In der Schwangerschaft mit meinem ersten Kind habe ich eine Menge im Internet quergelesen und bin auf die Seite der Rabeneltern gestoßen.

Deren Motto ist „Wir räumen auf mit Ammenmärchen“ und alles, was ich da gelesen habe, hat mich bestärkt in dem, was ich rein gefühlsmäßig angegangen bin: Stillen, Tragen, Familienbett.

 

Von meinem Schwiegervater habe ich das Buch bekommen „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“, was zwar beeindruckend war, aber für meine Begriffe wissenschaftlich nicht so fundiert war, was das Tragen betrifft. Ich wollte mehr wissen und vor allem genauer! Und so kam dann eins zum anderen…

 

 

Hand aufs Herz: hast du eine Lieblings-Tragehilfe?

 

Da ich ja vom Körperbau her aus der Norm falle (sehr klein und schmal), passen mir die meisten Tragehilfen nicht so gut. Mit den Jahren hat sich das Angebot vervielfacht, aber für mich ist noch immer das Tuch die Nummer 1.

Bei den Mei Tais mag ich für mich persönlich den MySol am liebsten, bei den Fullbuckles das Buzzidil.

  

 

Du bist eine der Frauen, die ich "Trageberater der ersten Stunde" nenne. Wann hast du deine Ausbildung begonnen und wie kam es dazu? 

 

Nina: Zwei Freundinnen von mir, darunter Lisa Sperling vom Kurz & Klein, hatten 2008 die Ausbildung zur Trageberaterin bei ClauWi gemacht und wir diskutierten heiß, tauschten Tücher aus und testeten die Tragehilfen, die zu der Zeit mehr und mehr aufkamen.

Da ich ja auch einen wissenschaftlichen Hintergrund habe, wollte ich einfach genauer wissen, was wir da warum tun und als im März 2009 ein Grundkurs in Berlin angekündigt wurde, stieg ich erst bei der Organisation ein und nahm dann auch richtig am Kurs teil. Aufbaukurs folgte im August und seither bilde ich mich kontinuierlich fort.

 

 

Mit welchen Zielen oder Idealen hast du deine Beratungs-Tätigkeit gestartet?

 

Zunächst einmal mit großem Respekt: In vielen Fällen sind wir Trageberaterinnen nach der Hebamme der erste „fremde“ Mensch, der in die neue Familie kommt. Da braucht es Feingefühl, denn die neue Konstellation muss ich oft erst noch finden. Mein Ideal ist es, für das jeweilige Trage-Paar die Trageweise zu finden, die ihnen den Alltag erleichtert - die einfach „passt“.

Beides möchte ich mir erhalten!

 

 

Du arbeitest mittlerweile bei Girasol, einem Urgestein der Trageszene mit Ladengeschäft in Berlin, und gibst selber ClauWi-Fortbildungen - hättest du diese Entwicklung vor 5 Jahren geahnt? 

 

Ehrlich gesagt nicht, obwohl ich es hätte ahnen können. Mit Girasol war ich seit 2009 in Kontakt, weil ich zu den Testen des Prototyps des MySol gehörte. Praktischerweise hatte ich ja zwei Traglinge, ein Toddler-Kind und dann ein Mini-Baby.

Mit ClauWi gab es einen stetigen Austausch, u.a. weil ich als Beraterin und Moderatorin im Trageforum von www.stillen-und-tragen.de in gewisser Weise recht präsent war und bin. Viele Beraterinnen geben nach der Elternzeit, wenn sie wieder in ihrem richtigen Beruf starten, die Beratung auf - das war bei mir nicht so.

 

 

Welches vorhandene Wissen oder Fähigkeiten deines einstmals erlernten Berufes konntest du für die Beratungstätigkeit nutzen?

 

Mein ursprünglich erlernter Beruf ist Buchhändlerin. Da geht es auch oft darum, Wünsche und Bedürfnisse zu erfahren und das Richtige für die Kunden zu finden. Später habe ich Komparatistik und Philosophie studiert und u.a. in der Erwachsenenbildung gearbeitet, das hilft beim Strukturieren der eigenen Arbeit, beim Aneignen und Vermitteln von Wissen, beim Analysieren im Allgemeinen.

 

 

Wie stellst du dir die deutsche Trageszene in 10, 20 und mehr Jahren vor? Denkst du, das Tragetuch/Tragehilfe wird jemals wieder den Kinderwagen verdrängen?

 

Nein, das denke ich nicht. Meiner Meinung nach ist das auch nicht wünschenswert, der Kinderwagen hat für viele Familien durchaus seine Berechtigung. Ich denke, das Tragen wird mehr und mehr Teil des mainstreams werden, wie hoffentlich generell die Orientierung an den Bedürfnissen des Babys.

Ich hoffe, dass sich mit der „Normalisierung des Tragens“ eine Vielfalt des Angebots etabliert und sich die kleinen Kämpfe um das „richtige Tragen“ erledigen.

 

 

Wunschfrage: Was möchtest du noch sagen, was ist dir wichtig?

 

Oh, da habe ich mindestens drei Wünsche!

Mir ist es wichtig, dass junge Familien niedrigschwellige Angebote finden, das Tragen für sich zu entdecken. Sei es durch die Hebammen, in Familienzentren, im Krankenhaus, im Internet.

Es wäre schön, wenn die Trageberatung wie die Stillberatung eine ganz normale Sache würde, die nicht an den Kosten scheitern muss.

Denn eine gute Beratung ist ihr Geld wert! Schon allein, weil sie oft hilft, Fehlkäufe zu vermeiden - die langen Tücher, die junge Eltern mitunter wieder abschrecken, oder die unbequeme Trage aus dem Babymarkt, die man auf gut Glück gekauft hat.

Und zum Schluß: Tragen macht Spaß und hilft Eltern und Baby, einander kennenzulernen. Besonders für Väter ist es eine wundervolle Möglichkeit, die Bindung zu vertiefen. Denn Väter können alles - außer Stillen.

 

Vielen lieben Dank, Nina! 

 

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