Meine eigene Geschichte

Ungeplant schwanger, aber glücklich

Überraschung: positiver Schwangerschaftstest
Überraschung: positiver Schwangerschaftstest

Im Oktober 2012 bekam ich Benjamin, unser erstes Kind.

Wir waren ungeplant schwanger - zwar voller Freude, aber auch unbedarft.

 

Ich bekam noch in der Schwangerschaft ein elastisches Tragetuch von einer Freundin geschenkt, aber so richtig wusste wohl keiner, weder ich, noch mein Partner, was da auf uns zukommt mit einem Kind. 

 

Die Stimmung war locker, wir freuten uns und fühlten uns durch den Geburtsvorbereitungskurs und die Familie gut vorbereitet. Gekauft hatte ich gefühlt ALLES und auch der Tiefkühler war gefüllt mit Essen, als mein Sohn auf die Welt kam. Wir waren perfekt vorbereitet...

 

Ich wusste ja gar nicht, wie sehr ich falsch lag...

 

Die Geburt selbst war schlimm für mich – ich wurde wegen Überschreitung des Geburtstermins im Krankenhaus eingeleitet. Es folgten einige Interventionen zur Beschleunigung des Geburtsvorgangs und am Ende lag ich etwas über 2 Stunden in den Presswehen, die ich im Liegen veratmen sollte bis ich pressen „durfte“.

Diese Schmerzen waren das Schlimmste, was ich jemals erleben musste und ich wollte irgendwann nur noch sterben.

 

Die Geburt hinterließ Spuren

Noch im Krankenhaus, zwei Tage nach der Geburt
Noch im Krankenhaus, zwei Tage nach der Geburt

Durch die eingesetzte Saugglocke erlitt ich schwere Geburtsverletzungen und musste mehrere Stunden genäht werden – da war keine Freude mehr über mein Kind in mir – ich war einfach nur froh, überlebt zu haben!

  

Die nächsten Tage und Wochen war ich mehr mit mir und dem traumatischen Erlebnis beschäftigt als mit meinem Kind.

Sein verformter Kopf (durch die Saugglocke) sowie mein kaputter Genitalbereich erinnerten mich unentwegt an unsere Geburt.

 

Iris Steger schlafend mit Baby in den Armen
Hier ist mein Sohn wenige Tage alt - wir haben eigentlich nur geschlafen

Zuhause angekommen durfte ich nicht laufen oder sitzen – ich lag also die ersten Wochen fast nur im Bett oder auf der Couch und stillte – nach 2 Wochen entzündeten Brustwarzen und einer Pilzinfektion in meinen Milchgängen klappte auch das - endlich! 

Ich war mit allem überfordert, weinte bei jeder Kleinigkeit und wusste nie genau, was mein Kind gerade hat. Ich fühlte mich so unfähig!

 

Glücklicherweise übernahm mein Freund den Haushalt und das Kind – wenn ich nicht gerade stillte. Er schien immer genau zu wissen, was unser Sohn hatte und wiegte ihn, wenn nötig, stundenlang in den Schlaf.

 

Horrorvorstellung: Alleine mit Kind!

Nach drei Wochen Urlaub musste mein Freund wieder arbeiten gehen und ich war regelrecht panisch bei dem Gedanken.

Alleine mit Kind zu sein war heftig! Wenn mein Freund abends nach der Arbeit nach Hause kam, gab ich mit Erleichterung das Baby ab – die zu große Verantwortung und der Druck fielen von mir ab und ich konnte wieder atmen. 

 

Auch Wochen später noch lag ich manchmal abends im Badezimmer und weinte herzzerreißend. Ich weiß noch, dass ich gar nicht genau wusste, warum es mir so elend ging! Dass meine „ganz normale“ Geburt (so erklärte mir meine Hebamme) damit unmittelbar zusammenhing, war mir überhaupt nicht bewusst – für mich war mein Kind schuld: er war so anstrengend!

 

Iris Steger mit Baby auf dem Arm in Berlin Hermsdorf
Mein Sohn Benjamin mit ca. 6 Wochen

Das ständige Stillen (wieso sagt einem keiner, dass Neugeborene alle paar Minuten stillen möchten??!), der wenige Schlaf, in der Mobilität eingeschränkt zu sein (durch meine Verletzungen), dann das schwindende Herbstlicht – alles kam auf einmal und ich konnte einfach wenig beglückende Momente sammeln.

 

Wenn wir alleine waren, kuschelte ich mich die meiste Zeit mit meinem Kind ins Bett und guckte Filme. Dann war er meist zufrieden und ich konnte mich im Kopf in eine andere Welt träumen.

 

 

 

Erst heute weiß ich, dass man so etwas auch Wochenbettdepression nennt!

Jede Schwangerschaft und Geburt macht eine Frau unglaublich verwundbar – und das ist gut so, damit sie sich auf die Veränderungen in ihrem Leben einlassen kann. Denn auf diese Veränderung war ich definitiv nicht gefasst und ich war auf so vielen Ebenen verletzt worden, dass ich einfach noch Zeit brauchte, um zu heilen!

 

Zum Glück hatte ich einen geduldigen Mann an meiner Seite, der immer und immer wieder mit mir die Geburt durchsprach, mir fehlende Lücken wieder füllte und mir einfach fast alle Hausarbeit abnahm.

 

Tragen war für mich mehr als nur ein Transportmittel

Mein Sohn half mir definitiv auch bei meiner Heilung! Ich durfte ja nicht draußen rumlaufen und las daher viel beim Stillen im Internet und informierte mich in unzähligen Babyforen.

 

Ach, und da lag ja auch noch dieses Tragetuch von der Babyparty. Also probierten wir das mal aus und fanden es schnell praktisch – mein Baby schlief mehr und ich hatte mal die Hände frei!

Aber das Internet und auch meine Familie machten mich eben auch unsicher und ich musste dringend wissen, ob ich alles richtig mache, denn mein Beckenboden musste weiterhin geschont werden.

 

Iris Steger mit Baby im Tragetuch in Berlin Tegel
Mit dem 3 Monate alten Baby beim Kinderarztbesuch in Tegel

Nach einer wahnsinnig motivierenden Trageberatung und dem OK meiner Frauenärztin traute ich mich immer öfter, mein Kind auch draußen mehr zu tragen.

 

Zuerst kleine Spaziergänge, später einen ganzen Kinderarztbesuch im Nachbarbezirk – das war aufregend!

Ich fühlte mich wie Superwoman!

Die beständige körperliche Nähe beim Tragen, beim Stillen und beim gemeinsamen Schlafen, tat uns beiden, meinem Sohn und mir, gut.

 

Mir hing noch lange nach, dass mein Sohn die ersten drei Stunden seines Lebens nicht in meinen Armen liegen konnte. Doch das Tragen hat uns definitiv wieder ein Stück versöhnt, auch wenn die komplette innere, wie äußere Iris erst sehr viel später richtig geheilt ist!

 

Stück für Stück bin ich die Expertin für mein Kind geworden, habe mir meine mütterliche Kompetenz erkämpft und mir Wissen weit über die Grenzen des Tragens erworben.

 

Tragen war quasi mein Eingangsticket in die Welt der unkonventionellen Babygeheimnisse... 

 

Nicht jede Depression sieht man

Iris Steger mit Baby in den Armen
Meine Freundin Britta kam zu Besuch, als Benjamin 3 Wochen alt war

Die Wenigsten meiner Freunde wissen übrigens, wie schlecht es mir in den ersten Wochen und Monaten nach meiner ersten Geburt wirklich ging.

 

Wenn, dann erzählte ich, wie anstrengend alles sei – aber wem erzählt man denn bitte, dass man regelmäßig heulend auf dem Badezimmerfußboden sitzt?

 

Fast alle meine Freunde waren zu dem Zeitpunkt noch kinderlos und konnten die Anstrengungen, die alle auf einmal über mich hereinbrachen, gar nicht greifen.

 

Auf vielen Fotos der ersten Babyzeit wirke ich zwar müde, aber relativ unbeschwert – aber ich weiß, dass das nicht alles war. Es gab eine dunkle Seite, die ich nur im Geheimen herauslassen konnte und es dauerte noch Jahre, bis ich wirklich frei darüber sprechen konnte. Im Prinzip erst, als ich mich übers Tragen professionalisierte.

 

Am Ende wird alles gut - und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende

Iris Steger mit Kleinkind im Tragetuch auf dem Rücken
Benjamin und ich nach 1,5 Jahren des Zusammenwachsens

Heute fühle ich eine enge Verbundenheit mit Müttern, die überfordert sind! Die nicht wissen, wo oben und wo unten ist.

 

Die einfach auch mal jemanden brauchen, der Ihnen sagt:

"Als Mutter überfordert zu sein, ist normal!
Doch glaube mir, es wird nicht immer so bleiben! Du wirst wachsen und du wirst lernen!

Langsam, langsam, und ein Schritt nach dem anderen.

Am Ende wird alles gut - und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende!"

 

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Kommentare: 20
  • #1

    Jessica Brägelmann (Samstag, 13 Mai 2017 18:29)

    Vielen Dank für deine ergreifende und ehrliche Geschichte. �

  • #2

    Frauke Ludwig (Sonntag, 14 Mai 2017 11:56)

    Danke für Deine offenen Worte und dass Du diese Momente mit uns teilst.
    Dass andere, denen es auch so ging oder geht, sehen dürfen dass sie nicht allein sind.
    Das tut schon so gut ❤️

    Du wundervolle Frau!!!

  • #3

    Lisa (Sonntag, 14 Mai 2017 12:27)

    Ich bin grad zufällig über diesen Beitrag auf deinen Blog gestoßen und habe Tränen in den Augen. Ich kann gut nachfühlen, wie es dir ging, denn ich habe ähnliches erlebt. Und dein Motto ist mein Lebensmotto <3

  • #4

    Kerstin Schäpers (Sonntag, 14 Mai 2017 13:03)

    Es ist als lese ich meine Geschichte!
    Danke Iris für diese ungeschönte Wahrheit!
    Ich habe das große Glück das mich die Geburt unseres 2. Kindes mit mir versöhnt hat!
    Das hat 41/2 Jahre gedauert..
    Und das heilen dauert noch an!

  • #5

    Maria (Sonntag, 14 Mai 2017 13:12)

    Liebe Iris...Ein großartiger Artikel über eine starke Frau, einen liebenden Mann und ein wundervolles Kind. Danke das du diese Erfahrung teilst - ich selbst bin gut in meinem Mutter-werden angekommen, aber als Kinderkrankenschwester (zuletzt in der Geburtshilfe) weiß ich um die Tabu-themen rund um Schwangerschaft und Eltern-werden. Und es ist wichtig das Frauen/Eltern wissen, dass nicht immer alles perfekt sein muss und das wir uns Hilfe holen dürfen! Danke ❤ Herzliche grüße, Maria

  • #6

    Sina (Sonntag, 14 Mai 2017 20:30)

    Du sprichst mir aus der Seele . Hätte von mir sein können. Danke für deine ehrlichen Worte!

  • #7

    Marie (Sonntag, 14 Mai 2017 20:34)

    Vielen vielen Dank für die Worte! Ich habe mich in vielen Zeilen wieder gefunden und habe noch einmal mehr gemerkt, wie schwer es ist, nach einer nicht normalen Geburt einen geeigneten Draht zu seinem Kind zu finden. Auch ich konnte die ersten Stunden nicht mit meinem Sohn verbringen und leider ging das Tragen auvh nicht sofort.
    Heute 4 Monate später trage ich ihn Stunden(zwar ohne Trage) aber mit ganz viel Herz.

    Wir können stolz auf uns sein!

  • #8

    Carola (Sonntag, 14 Mai 2017 21:31)

    Danke! �

  • #9

    Maike (Sonntag, 14 Mai 2017 21:49)

    Ich habe mich gesehen in deinen Worten.
    Auch nach 6 Monaten beschäftige ich mich manchmal noch immer mit der Geburt und frage meinen Partner dazu.
    Es tut gut zu wissen,dass ich nicht allein so fühle. Öffentlich kann man ja kaum darüber reden..

  • #10

    Isabella (Sonntag, 14 Mai 2017 22:41)

    Es ist unglaublich, diese Misshandlungen an Frauen in Krankenhäusern. Ich habe mein zweites Kind zuhause geboren, und werde jedes weitere ebenfalls weit entfernt von jedem Krankenhaus empfangen. Stark machen für starke, selbstbewusste Frauen, die sich für selbstbestimmte Geburten einsetzen und dem würdelosen Vorgehen in Krankenhäusern ein Zeichen setzen! Toll geschrieben! Tolle, starke Frau. Lass dir den Geburtsbericht des Krankenhauses geben (sie müssen ihn aushändigen), das kann helfen beim Verarbeiten. Alles, alles Liebe!

  • #11

    Claudia (Montag, 15 Mai 2017 10:36)

    Lieben und herzlichen Dank für deine offenen Worte. Ich habe gerade Tränen in den Augen.
    Auch mir erging es genau wie dir, dachte ich doch, eine soooo gut vorbereitete Mutter zu sein. Auch meine Geburt war schlimm, die Wochen danach wie du durchzogen von körperliche Beeinträchtigungen, Mann nach 6 Wochen wieder arbeiten, der Gang zum Kinderarzt gefühlt ein Ritt ins nächste Universum. Auch ich war mit meiner Seele, meinem Baby und meinem Körper hoffnungslos überfordert. Auch meine Verletzungen brauchten Monate, zu heilen.
    Und heute? Wie du. Eine stolze und glückliche Mutter.
    Und auch bei mir wissen nur die wenigsten Menschen, was ich durchgemacht habe. Vielen wollen es gar nicht hören. Anstatt zu unterstützen und zu helfen bekommt man sogar noch Vorwürfe oder leere Phrasen an den Kopf geknallt. Eine harte Schule war das.

  • #12

    Silvia (Montag, 15 Mai 2017 14:39)

    Deine Geschichte hat mich zu Tränen gerührt. Ich erkenne mich in sovielen Sätzen wieder. Am schlimmsten fand ich, dass die Leute nur hören wollen, wie "rosa" die Babywelt ist und wenn ich ehrlich erzählt habe, dann wurde ich als Schwächling oder als Versagerin hingestellt.

  • #13

    Cindy (Dienstag, 16 Mai 2017 12:07)

    Ganz lieben Dank für deine offenen und ehrlichen Worte. Es tut gut, sich nicht alleine zu wissen und womöglich sich für einen "Versager" bzw unfähig als Mutter zu halten.
    Deine Worte hätte ich im Februar gut gebrauchen können �
    Aber auch im Nachhinein: Danke!
    Liebe grüße

  • #14

    yvonne (Dienstag, 16 Mai 2017 12:12)

    Danke für die wundervolle Geschichte! Alles Gute euch weiterhin!

  • #15

    Jule, Freundin von Britta ;) (Dienstag, 16 Mai 2017 21:30)

    Liebe Iris, ich fühl mich so verstanden und fühle bei deinen Worten sehr mit! Hab auch immer gedacht: So hab ich mir das Muttersein nicht vorgestellt.. Dachte mehr, dass Babys viel
    schlafen und nicht soviel trinken wollen.. Nicht soviel Aufmerksamkeit wollen... Und hab auch tagtäglich verflucht, wie sich mein Leben ändert... Dass alle alles besser wissen.. Und ich anscheinend keine Ahnung habe... Aber dann hab ich das Muttersein nach und nach zu lieben begonnen.. Hab alles selbst in die Hand genommen und gehe jetzt meinen individuellen Weg mit meiner wunderbaren Tochter (6 Monate).. <3

  • #16

    Heike (Mittwoch, 17 Mai 2017 09:07)

    Danke für deine Geschichte. Es ist so wichtig, dass diese Geschichten über traumatische Geburten und ihre Folgen gehört und gesehen werden. Ich habe mein erstes Kind vor über 22 Jahren geboren und habe auch ein schreckliches Geburtstrauma davongetragen. Mein 2. Kind, 2 Jahre später, habe ich schon etwas leichter und selbstbestimmter bekommen. Aber noch weit entfernt von ideal. Immerhin habe ich da schon die Kraft gehabt für das Stillen zu kämpfen. Das hat schon viel geheilt. Aber ich musste tatsächlich 41 Jahre alt werden und noch ein 3. Kind bekommen um wirklich Heilung zu erfahren. Jakob ist im Geburtshaus geboren, mit einer unglaublichen Hebamme, vollig selbstbestimmt und in unserem Tempo, er wurde und wird immer noch viel getragen, musste nie alleine schreien und wird bis heute gestillt. Er wird übernächste Woche 2 und er hat meine Seele geheilt. 20 Jahre hat es gedauert, aber ich wurde geheilt.

  • #17

    Nicki Vlachou (Mittwoch, 14 Juni 2017 21:15)

    Meine Kinder sind bereits viele Jahre aus dem Baby- und Kleinkindalter heraus und ich fühle mich immer noch überfordert als Mutter. Ich glaube, ich komme da nie raus. Ich leide seit der Geburt meiner drei Kinder unter chronischer Übermüdung.

  • #18

    Silke Bacher (Mittwoch, 14 Juni 2017 22:00)

    Toll hast du das geschrieben.

    Wunderbar ehrlich und sehr berührend!

    Danke dafür !

  • #19

    stefanie braun (Donnerstag, 15 Juni 2017 23:19)

    Ich glaub e dass wichtigste ist das wir uns verbinden, als Mutter und Frauen wir denken oft dass der Mann diese Rolle einnehmen muss....Aber dass ist ein missverstandnis auch sollten wir Frauen an unserer Seite haben die uns währende r Geburt und danach unterstützen zB Dulas. Es geht immer wieder darum Verantwortung zu übernehmen und auf die innere Stimme hören.....
    Dein Kind war einfach noch nicht bereit auf die Welt zu kommen , vielleicht hätte es noch 1Woche länger gebraucht LG Steffi

  • #20

    Nadine (Sonntag, 28 Januar 2018 11:41)

    berührende Geschichte!