Bedürfnisorientierte Eingewöhnung

Sie ist doch noch so klein - mein Baby!

Ich soll sie weggeben und den ganzen Tag ohne sie sein?

Sie soll ohne mich spielen, essen und schlafen?

Was ist, wenn sie mich vermisst?

Was ist, wenn jemand ihr wehtut?

Wie kann ich ihr am besten helfen?

 

 

Diese oder ähnliche Gedanken haben alle Eltern, die ihr Kind zum ersten Mal in eine Betreuungseinrichtung geben. Gerade wir, die so darum bemüht sind, die Bedürfnisse kleiner Kinder zu sehen und ihnen entgegenzukommen, fällt es schwer, die Kinder in diese "harte Welt" zu geben.

 

Wie geht Attachment Parenting in der Kita?

 

Wie kann ich mein Kind weiterhin bindungs- und bedürfnisorientiert begleiten, wenn ich es bei vollkommen fremden Menschen betreuen lasse?


Die Zeit im 1. Lebensjahr ist so unglaublich intensiv, ihr wart so unfassbar eng miteinander verbunden und nun musst du loslassen. Zumindest für einige Stunden am Tag.

Erstmal unvorstellbar, oder?

Aber die Zeit der Loslösung wird nach und nach kommen. Sie wird kommen. 

Wenn ihr euch noch Zeit lassen könnt, prima - ohne Druck geht alles einfacher.

Mit Zeitdruck, nun ja, das wird anstrengender - soviel soll klar sein.

Aber auch das geht.

Mit liebevoller Begleitung durch schützende Hände und viel Kommunikation von allen Seiten.

Wie kann ich mein Kind auf die Kita vorbereiten?

Ich mag ja Einrichtungen, die einen Tag in der Woche anbieten, an denen Eltern mit noch nicht-eingewöhnten Kindern vorbeikommen können und schon mal Kita-Luft schnuppern können. Quasi eine Eingewöhnung light - meist sitzen hier auch noch keine Erzieher dabei, so dass es wirklich nur um die Umgebung geht.

 

Eingewöhnung bedeutet aber - ACHTUNG Missverständnis - nicht, dass Kinder sich an eine Umgebung gewöhnen sollen, sondern dass sich Bindung zu einer realen und greifbaren Person aufbaut. Das geschieht nur im engen Beisammensein. 

 

Dennoch kannst du schon mal dein Kind an bisher bekannte Vertrauenspersonen für kurze Zeit geben - meistens der Vater oder die Oma. Wenn dein Kind bei der Oma schon ein oder mehrmals üben konnte, sich von einer anderen Bindungsperson als von dir betreuen und auch beruhigen zu lassen, hast du gute Karten für eine fremde Einrichtung! Denn das heißt nämlich, dass das Bindungssystem deines Kindes primstens funktioniert!

Oftmals reicht ja schon eine halbe Stunde - ihr müsst das nicht exzessiv ausdehnen - ihr könnt, aber das ist kein Muss. Für dein Kind ist wichtig zu verstehen: du kommst immer wieder! Und um das zu verinnerlichen, reicht am Anfang schon eine halbe Stunde.

 

Literatur bereitet auch gut vor:

Rund um das 1. Lebensjahr werden Bücher langsam interessanter. Je nach Konzentration, könnt ihr euch entweder erstmal an Wimmelbüchern versuchen, bei denen es viel zu entdecken gibt, oder direkt richtige Erklär-Bücher wie das von Ravensburger, wie das alles so funktioniert in einer Kita.

Die perfekte Eingewöhnung

Kinder sind so unterschiedlich wie es Sandkörner am Strand gibt. Kann es also einen perfekten Ablaufplan für eine gelungene Eingewöhnung ohne Tränen geben? NEIN. Sorry. Not sorry.

 

Deutschlandweit wird größtenteils nach dem Berliner Modell eingewöhnt, was sich hauptsächlich dadurch auszeichnet, dass die Kinder hier 3 Tage lang jeweils eine Stunde mit dem "Bezugserzieher" (Übersetzung: Bindungsperson) UND einem Elternteil verbringen.

Am vierten Tag wird, je nach Absprache mit den Eltern, ein erster Trennungsversuch unternommen. Dieser Trennungsversuch kann ein Toilettengang oder schon eine halbe Stunde sein. Das Elternteil sollte jedoch in jedem Fall schnell greifbar sein, falls das Kind untröstlich erscheint.


Erzieher sollten hier eine große Portion Empathie mitbringen und gut in das Kind hineinspüren. Mit Wischiwaschi-Aussagen á la "Er hat das ganz gut gemacht" wird mein Vertrauen in die Bindungsqualität zwischen meinem Kind und der Erzieherin nicht gestärkt.

 

Ein Abschied der Eltern sollte in jedem Fall angekündigt werden (nichts ist schlimmer, als in der ständigen Angst zu leben: wenn ich mich umdrehe, ist Mama einfach weg!) und darf auch unter Tränen stattfinden - im optimalen Fall sind diese aber "schnelltrocknend".

Sprich: bei erfolgtem Bindungsaufbau hat dein Kind genug Vertrauen in seine Begleitung, dass es sich auch mit Körperkontakt trösten lässt.

 

Im Idealfall (also wenn dein Kind sich gut mit der Erzieherin versteht und auch zuhause nicht verhaltensauffällig wird) dehnen sich die Trennungsphasen von Kind und Elternteil immer weiter aus, so dass irgendwann das Mittagessen in der Kita mitgegessen wird und bald darauf auch der erste Mittagsschlaf versucht wird. Die Geschwindigkeit der Eingewöhnung hängt von der einzelnen Kita ab, aber in der Regel werden hier 14-21 Tage veranschlagt.

 

Weitaus interessanter ist allerdings die Frage: 
Was passiert, wenn mein Kind sich NICHT trösten lässt oder deutlich signalisiert, dass hier eine Grenze überschritten wurde? Was passiert, wenn du erkennst, dass dein Kind noch NICHT soweit ist?

 

Das Berliner Modell sieht hier ganz klar vor, dass ihr quasi bei Null startet. Erneuter Beziehungsaufbau zur Bezugserzieherin. BÄM.

Und an diesem Punkt fängt oft ein Interessenproblem an: Eltern möchten gerne mehr Zeit, die Kitaleitung hat jedoch oftmals keine Zeit für mehr Eingewöhnungszeit der Neuankömmlinge eingeplant. Die ganzen Kinder in das neue Jahr zu integrieren, kostet enorme Zeit und Nerven und unterliegt in den meisten Kitas einem mehr oder minder starren Zeitplan.

Hier kommt deine Verantwortung ins Spiel, für die Bedürfnisse deines Kindes einzutreten. Das kann sich dann auch unangenehm anfühlen.

Probleme bei der Eingewöhnung

Der individuelle Blick auf das Kind ist hier am allerwichtigsten und Eltern kennen ihr Kind immer noch am besten. Darauf müssen auch Erzieher sich immer wieder besinnen.

 

Wir hatten einmal eine ältere Bezugserzieherin, die es anscheinend richtig fand, dass Bindungsaufbau stattfindet, wenn sie auf ihrem Stuhl neben dem Spielteppich sitzenbleibt und meinem 3jährigen Sohn beim Eisenbahn spielen zuguckte. Ab und zu fragte er sie, ob sie jetzt mit ihm spiele und sie antwortete jedesmal, "Na tun wir doch".

 

Ich habe das Problem damals bei der Kitaleitung angesprochen, aber heute weiß ich, ich war nicht deutlich genug. Wir sind in dieser Kita nicht lange geblieben - zu oft musste ich meinen Sohn entgegen meines Bauchgefühls kreischend in der Kita lassen. Und ja, er schrie auch nach 2 Minuten noch. Dass ich ihn zum Abholen hin ruhig spielend vorfand, änderte nichts an den wiederkehrenden, panischen Abschieds-Szenen. 

 

Mit dieser Kita wäre ich aber so oder so auch nie glücklich geworden - die Haltung gegenüber Kindern zeigt sich meistens das erste Mal in der Eingewöhnungsphase und zieht sich dann weiter durch den Alltag. Ich bin froh, nicht mehr Teil dieses Kindergartens zu sein.

Was du konkret machen kannst

Du bist der Anwalt deines Kindes. Verteidige es, verteidige seine Grenzen!

Mach auf deinen Blickwinkel aufmerksam. Erzieher sehen ja nur ein Spektrum des Charakters deines Kindes und nehmen eventuelle Nuancen im Verhalten vielleicht gar nicht wahr.

 

Andersherum gilt das aber auch! Professionelles Personal sieht ebenfalls manchmal Entwicklungsschritte, die uns Eltern verborgen bleiben. Aber auch hier gilt: Kommunikation!

Beschreibe in kurzen, klaren Worten, was du beobachtest und was du möchtest. Wir Frauen tendieren oftmals dazu, alles zu begründen, was wir wollen. Wir wollen wertschätzend reden, damit wir, trotz Kritik, gemocht werden wollen.

 

Ich sage STOP. Nein. Das ist eben schon manchmal zuviel!

 

Mach es einfacher:

"Ich beobachte, dass Meike überlastet ist mit der Situation.",

"Meike wirkt auf mich unsicher in der Spielsituation."

"Meike zeigt extreme Bindungsangst, wenn wir zuhause sind" 

"Ich möchte, dass X (Bezugserzieherin) deutlicher auf die Vorlieben meines Kindes eingeht."

"Ist es möglich, die Eingewöhnung in einem anderen Umfeld stattfinden zu lassen, z.B. im Bauraum oder Atelier?"

 

Diese Sätze sollen dir einfach nur eines zeigen: du solltest eine deutliche Sprache sprechen, um die Interessen deines Kindes zu vertreten. Bleib beim "Ich" und äußere klare Wünsche. Keine Vorwürfe, keine Interpretation.

Hilfreiche Links zur Eingewöhnung:

Und am Ende noch mein Geheimtipp:

Lüge!

Lüge, was das Zeug hält.

Das ist einer der wenigen Punkte, wo ich wirklich empfehle, dein Kind anzulügen, was seine Bindungsperson vor Ort betrifft.

Ich gehe also zur Erzieherin und sage: "Du, die Meike vergöttert dich! Die erzählt zuhause die ganze Zeit von dir!"

Und zu meinem Kind gehe ich genauso und erzähle ihr, wie begeistert Erzieherin X immer über sie erzählt. Und wie viel Spaß ihr das gemeinsame Spiel macht. Und wie sehr sich Erzieherin X schon direkt morgen auf sie freue.

 

Mach das in der Anfangszeit so oft wie möglich und genieße das Leuchten in den Augen deines kleinen oder großen Gesprächspartners. Versuch es ruhig - du wirst sehen, es klappt!

 

 

 

(Damit kann man übrigens auch sehr erfolgreich Pärchen verkuppeln.)

 

Wie war es bei euch?

Die Eingewöhnungszeit hat ja gerade erst begonnen. Erzähl mir von deinen Erfahrungen!

Waren die Erzieher genügend feinfühlig?

Wurden deine Wünsche respektiert?

Hattest du das Gefühl, es war genau der richtige Zeitpunkt?

Oder viel zu früh?

 

Vielleicht hast du sogar dein Kind wieder aus der Kita rausgenommen?
Erzähl!

Weitere Artikel:

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Kommentare: 3
  • #1

    Kathrin (Freitag, 01 September 2017 15:52)

    Liebe Iris,
    danke für deine Verlinkung und den Leitfaden für so viele Eltern, die gerade in der Situation sind. Ich finde, vor allem die Worte, die du den Eltern für Gespräche in der Kita mitgibst, sehr hilfreich und bewegend.

    Gerade deshalb verstehe ich gar nicht so recht, wieso du am Ende eines so schönen, gewaltfreien Artikels auf das Lügen eingehst. Du hast in dem Artikel wunderbare beziehungsorientierte Hilfestellung gegeben, dass es mE den "Geheimtipp" nicht gebraucht hätte. Ich frage mich, welche Form der ehrlichen, tragfähigen emotionalen Beziehung zwischen Kind und neuer Bindungsperson entstehen kann, wenn ihre Basis eine erfundene Geschichte der Hauptbindungsperson "Mama" ist?

    Bestimmt erlangen wir damit gute "Ergebnisse", wenn wir das denn wollen. Und natürlich sage ich auch meinem Kind in besonders blumigen Worten, dass seine Erzieherin heute erzählt hat, wie schön die Zeit mit ihm war und wie gern sie mit ihm spielt. Aber auch nur, wenn es wirklich so war... Wie machst du das? Andersherum übrigens genauso: ich empfinde es als unerlässlich, das tatsächliche Gefühl meines Kindes an seine Erzieher:innen weiterzugeben, also auch, wenn er sich eben nicht wohl fühlte.

    In meinen Augen ist es so: die Beziehungsqualität hängt immer (!) von den Erwachsenen ab und wenn der Erwachsene stinkig ist, weil mein Kind zuhause gesagt hat, er ist blöd - dann ist das in einer solch verletzlichen Phase wie der Eingewöhnung ein Grund des Ansporns. Und auch wenn das keine glänzenden Augen macht: es ist nun mal seine Aufgabe. Dafür sind die da. Lügen verhindert das Entstehen von Beziehungen in meinen Augen nur. Wir schlittern mit dieser Methode gefährlich ab in Richtung Manipulation - und wollen wir das?

    Vielleicht habe ich diesen Punkt aber auch nur falsch verstanden. Es war mir nur ein Bedürfnis, hier mit dir in die Diskussion einzusteigen und zu sehen, was du siehst und ich vielleicht übersehe.

    Liebe Grüße,

    Kathrin :-)

  • #2

    Iris Steger (Samstag, 02 September 2017 09:49)

    Liebe Kathrin,

    zuerst einmal bewundere ich deine Worte. Sie enthalten einen Widerspruch zu meinem Inhalt, greifen mich jedoch in keinster Weise an! Danke dafür!

    Grundsätzlich bin ich da voll bei dir - und deine ganze Argumentationskette habe ich tatsächlich meinem Freund gegenüber genau so formuliert, als mich das erste Mal diese "Lügen-Geschichte" berührte.
    Ich habe ebenfalls lange vor dieser Überlegung gestanden, alle Prinzipien, ehrlich zu meinem Kind zu sein, über Bord zu werfen.
    Nüchtern betrachtet ist es Manipulation, da hast du vollkommen Recht.

    Aber in diesem Fall - finde ich es gut. Ich finde es wirklich einfach gut.
    Als Eltern ist man in den meisten Fällen gezwungen, die Eingewöhnungsphase in einer viiiiiel zu kurzen Zeit (2-3 Wochen) durchzuziehen. Ein erwachsener Mensch braucht mitunter MONATE, um Verbindung zu einem anderen Menschen aufzubauen, wie soll es da Kindern gehen? Unter diesem Aspekt, in dieser NOT-Situation finde ich tatsächlich, heiligt der Zweck die Mittel.

    Natürlich differenziere ich hier:
    wenn es meinem Kind sichtlich schlecht geht in der Umgebung oder zuhause oder insgesamt komplett überfordert und die Erzieherin dazu total lustlos wirkt, sich dem Kind null widmet, DANN fände ich es tatächlich falsch, zu lügen. Aber das sind Extremfälle, die in der Form selten der Realität entsprechen.

    Ich rede davon, beiden Menschen (Kind UND Erzieherin) ein gutes Gefühl zu vermitteln. Das ist ja absolut individuell und mit ganz viel Feingefühl verbunden. Manipulation im Alltag lehne ich ab, so wie du. Aber hier geht es darum, MEIN KIND zu unterstützen, sich sicher zu fühlen im Kindergarten! DAS hat für mich höchste Priorität. Und wenn ich 3 Wochen später mit einem schlechten Gefühl am Arbeitsplatz sitze, weil ich eben aufgrund meiner Ehrlichkeit in diesem System "verloren habe", dann nützt das niemandem etwas.

    Naja, stimmt auch nicht ganz, der langfristigen Bindung zu meinem Kind nützt Ehrlichkeit schon was. Aber davon hat es in DEM Moment im Kindergarten auch nichts. Andersherum geht aber Vertrauen auch nicht verloren, wenn ich an dieser Stelle tatsächlich manipuliere. Daran glaube ich.

    Und dennoch: danke für deine Meinung, Kathrin, die sicherlich auch die Gedanken von einigen anderen Eltern formuliert hat.
    Ich bin gespannt, ob du oder jemand anderes noch mehr zu diesem Thema "Ehrlichkeit und Vertrauen" sagen möchte! :-)

  • #3

    Doreen (Dienstag, 12 September 2017 23:05)

    Hallo Iris, vielen Dank für die Stärkung und für die einfühlsamen Worte.

    Auch die haben es versucht mit der Eingewöhnung und pausieren gerade.

    Kita1 hatten wir im Frühjahr uns angeschaut, vorher auch schon die wöchentlichen Gruppenbesuche genutzt, doch hier hab ich nach Tag2 abgebrochen, da mit der Umgangston und generell der Umgang mit dem Kleinsten ein Dorn in Auge war. Auch Ein Kind das gerade eingewöhnt wurde (in der kleineren Grupoe) und schon ohne Mama da war, schrie die ganze Stunde, in der ich mit meinem Kind da war, ohne dass sich jemand in es kümmerte, s.d. ich sofort die Eingewöhnung eingestellt habe. Hier wäre aber eine Eingewöhnung von meinem Kind mögl gewesen.

    Kita2 haben wir jetzt nach 3Wo Eingewöhnung erstmal pausiert, da unser Kind uns einfach nicht gehen lassen hat und mit dir Bindung zur Erzieherin noch zu wenig war, um ihn in Tränen zurück zu lassen, da ich wußte er wird sich nicht beruhigen.

    Dann die wieder starten weiß ich nicht...aber wir üben tägl....

    LG Doreen

    Ps; Sein Satz mit dem "Anwalt des Kindes" stärkt mich sehr, meinen Mund aus zu machen...