Während einer Trageberatung, #1

 

Eine kleine, dreiköpfige Familie bekommt Nachwuchs. Linus wird mit großem Aufwand und ganz viel Drama auf die Welt geholt. Nicht geboren, wie mir seine Mama später erzählt - geholt.

 

Christina, die Mutter von Linus, ruft mich 5 Wochen nach seiner Geburt an und fragt mich, ob ich ihr zeigen könne, wie man richtig trägt. Ihr Sohn schreie nur noch und sie wisse nicht, was sie falsch mache. Ich höre zu, höre die Zwischentöne und frage einige Details ab. Wir verabreden einen Termin zur Einzelberatung. 

 

geheiligtes Wochenbett

Das kleine Eigenheim der Familie ist blitzeblank sauber. Ich sehe vor meinem geistigen Auge, wie die frischgebackene Mama wahrscheinlich noch gerade eben zwischen Stillen und Windelwechseln die Wäscheberge, das Geschirr und das ganze Spielzeug weggeräumt hat. Danach noch schnell  den Staubsauger angeschmissen und schon kann es losgehen mit der "entspannten Beratung".

Das erlebe ich häufig - lieber ist mir das Gegenteil.

 

Mutter mit Wochenbettdepression, Baby im Arm, Berlin
Photo by Jenna Norman on Unsplash

Mama Christina wirkt unruhig, nervös. Sie sieht oft zum kleinen Linus hinüber, der in seinem Nestchen schläft und einen hellblauen Strampler mit Elefanten trägt. Handmade. Liebevoll ausgesucht

 

Gerade hingelegt habe sie ihn, er schlafe leider kaum. Tiefes Atmen... Linus ist das zweite Kind dieser Familie und ein gänzlich anderer Charakter als seine große Schwester. Diese wollte kaum getragen werden und war ein sehr entspanntes Baby, ohne diesen Wunsch nach "ständiger Aufmerksamkeit".

 

 

Wir reden kurz über die Geburt, die die Mutter noch sichtlich mitnimmt. Ihre Augen glänzen, als sie vom Notkaiserschnitt erzählt und dass sie sich kaum um ihr Baby kümmern konnte, als es auf die Welt geholt wurde. Überhaupt sei gerade alles ein wenig angespannt, berichtet sie. Die große Schwester möchte ja auch noch ihre Mama bei sich haben und so sei alles gerade etwas durcheinander. Wieder dieses tiefe Atmen...

 

 

Gleich in die Praxis

Christina zeigt mir das elastische Tuch, mit dem sie Linus bis jetzt getragen hat. Ich erkläre ihr die Unterschiede und verschiedenen Vor- und Nachteile dieses elastischen Tuches gegenüber eines festgewebten Tuches und gemeinsam üben wir am festen Tuch.

Das Binden und Straffen des Tragetuchs stellt sich für Christina als ungewohnt heraus. Die Sorgfältigkeit und das Handling mit dem Tuch bereiten ihr Schwierigkeiten. Ich spüre, wie ihre Anspannung steigt, ihr Perfektionismus sich durchkämpfen will. Ihr Körper ein starres Ausrufezeichen.

 

Als Linus aufwacht, schlage ich eine Pause vor - mein Gefühl sagt mir, dass wir mit dem Tragetuch gerade nicht weiterkommen. Das gibt es - manchmal liegt es an der Choreografie der Hände, die für den einen motorisch schwieriger ist als für den anderen. Manchmal ist es aber auch die innere Anspannung - das eine vom anderen auseinander zu halten ist von außen schwierig.

 

Eigentlich ein gutes Team

Linus und seine Mama setzen sich zum Stillen auf die Couch. Ich sehe, was für ein eingespieltes Team Mutter und Sohn sind - Linus schluckt direkt nach dem ersten Anlegen.

Doch was ich auch sehe, ist die immerwährende Anspannung der Mutter. Ihr Atem ist oberflächlich, ihre Schultern immer ein Stück zu weit oben zum Wohlfühlen, ihre Augen flüchtig. Ihr Blick richtet sich auf mich, sie möchte höflich sein. Sagt, sie mache mir auch gerne einen Kaffee.

 

"Kaffee ist jetzt nicht wichtig." sage ich lächelnd. Ich will hier Tempo rausnehmen, sie hat zu hohe Anforderungen an sich. "Das sieht schön aus! Wie wohl sich dein Kind gerade fühlt, wie toll es trinkt!" antworte ich. 

Sie verzieht den Mund, nickt. Wieviel kommt bei ihr an, frage ich mich.

 

Doch noch was anderes ausprobieren?

Die Stillpause nutzen wir, in dem ich ihr erkläre, welche Alternativen es zum Tragetuch gibt.

Christina ist ein eher schmaler Typ: schmale Taille, schmale Schultern - hier gibt es eine kleine Auswahl an Tragehilfen, die gut passen.

Ich ziehe eine passende Marke aus einer meiner zwei blauen IKEA-Taschen, die ich immer dabei habe und zeige Christina, wie sie die Tragehilfe anlegt.

 

Tragepuppe "Paul" kuschelt sich eng an meinen Bauch und zeigt Christina ein Bild, was sie selber gerne spüren würde, aber nicht kann - Verbundenheit und ein zufriedenes Baby. Ihre Augen glänzen schon wieder.  Ich sage ihr, dass auch sie das kann! - Tragen ist ja kein Hexenwerk!

 

Zweiter Versuch

Linus ist nun satt, aber unglücklich. Alleine liegen geht nicht, also nehme ich ihn auf den Arm, während die Mama die Tragehilfe ausprobiert. Das geht ganz schnell. Tragepuppe rein, festgezogen, nachspüren. Der Geräuschpegel ist etwas laut - der kleine Mann möchte zu seiner Mama.

 

Ich bitte sie, ein paar Schritte zu laufen und mir dann zu sagen, ob alles sitzt. Drückt der Bauchgurt? Tun die Schultern weh? Was macht der Druck auf die Lendenwirbelsäule? Ihr Gesicht ist plötzlich hoffnungsvoll, fast fröhlich. Das Gewicht sei nicht mehr spürbar, sagt sie. Und gleich liegt der Schatten wieder auf ihrem Gesicht. "Aber was ist, wenn ER das nicht mitmacht?"

 

"Linus darf natürlich mitentscheiden, ob ihm die Tragehilfe gefällt. Er kommuniziert ja viel und gerne mit dir." sage ich mit einem Lächeln. Ich sehe Linus an, der mich zwar auch anschaut, jedoch unzufrieden bleibt. Linus fühlt sich nicht sicher auf meinem Arm und das darf auch so sein.

 

Ein Hoffnungsschimmer?

Ich ermutige Christina, es jetzt mit Linus direkt zu versuchen - ihn in die Tragehilfe zu nehmen. Vorher sage ich ihr, dass Protest am Anfang durchaus normal ist, weil die Kinder verunsichert sind. Oftmals beruhigen sich die Kinder schnell, wenn Ruhe einkehrt und sie soll erstmal einfach "machen".

Sie wirkt wieder angespannter, ihre Bewegungen hölzerner als gerade eben noch. Wir versuchen es so, dass sie ihr Baby vor dem Bauch hält, während ich den Stoff der Tragehilfe an seinem Rücken hochziehe und ihr die Schulterträger über die Schultern gebe.

 

Nachdem alle Gurte festgezogen sind und die Trage an beiden Körpern passgenau sitzt, bitte ich sie, für ca. zwei Minuten, herumzulaufen. Linus ist sehr unruhig geworden und beschwert sich deutlich.

"Geh mit ihm ans Fenster und da erzählst du ihm, was du siehst - das beruhigt euch beide." - schlage ich vor.

 

Die beiden kommen nach fünf Minuten vom Küchenfenster zurück und sind vollkommen verwandelt. Linus schaut mit offenen, entspannten Augen in den Raum. Er nuckelt an einem der Träger. Mama Christina umarmt mit beiden Armen seinen kleinen Körper, ihre Lippen an seiner Stirn.

Ihr Blick ist zum ersten Mal liebevoll und entspannt. Ich brauche nicht zu fragen, ob das die richtige Tragehilfe für die beiden ist.

Der perfekte Moment für ein schnelles Foto mit dem Handy. Der erste glückliche Tragemoment ist ein wichtiges Foto. 

 

Am Ende angekommen

Wir sind am Ende der Beratung, die Stimmung ist warm und losgelöst. Auch ich bin froh!

Ich lasse Christina noch eine Broschüre zum Tragen da, sage ihr die genaue Bezeichnung der ausgewählten Tragehilfe und wo sie diese in der Region bekommen kann. 

 

Nach 10 Minuten wird Linus wieder unruhig in der Tragehilfe, aber das ist auch okay so.

Am Anfang reichen kurze Einheiten. Christina weiß jetzt, was sie beim Tragen grundsätzlich beachten sollte und wird sich wahrscheinlich so schnell wie möglich die neue Tragehilfe zulegen. 

 

Wir verabschieden uns. Mama Christina bedankt sich und lässt es sich nicht nehmen, sich für die Unordnung zu entschuldigen. Ich lächle und gratuliere ihr nochmal zu so einem tollen Baby, das offensichtlich ganz feine Antennen hat. "Und dass es anstrengend ist, das darfst du auch mal laut sagen!"

 

Nachwort:

Beratungen wie mit Christina* und Linus* erlebe ich häufig.

 

Oftmals ist die Mutter oder das Kind (oder beide) stark traumatisiert von der erlebten Geburt und können nicht so, wie sie wollen. Nach außen hin soll alles so weitergehen wie gehabt. Aufgeräumte Wohnung, perfekte Beziehung, perfekte Mutter. Aber das geht eben nicht mehr, wenn wir aus dem Gleichgewicht geraten sind. Dann KANN Tragen ein wichtiges Element zur Hilfe sein, MUSS es aber gar nicht.

 

Oftmals reicht auch einfach Entschleunigung, weniger Druck und mehr Hilfe von außen als erhebliche Entlastungsfaktoren. Eine funktionierende Tragelösung ist darüber hinaus natürlich ebenfalls eine große Entlastung, die große, flexible Freiräume schafft.

 

* alle Namen geändert

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